Interviews

Yvonne Fischer: Präzise Diagnostik, echte Begegnung, neue Perspektiven

Yvonne Fischer begleitet Menschen mit großer fachlicher Tiefe und spürbarer Wertschätzung auf ihrem persönlichen Weg. Schon früh entwickelte sie den Wunsch, Verhalten nicht isoliert zu betrachten, sondern als Ergebnis einer individuellen Lebensgeschichte zu verstehen.

In ihrer Arbeit verbindet sie wissenschaftlich fundierte Diagnostik mit einer klar neuroaffirmativen Haltung und einem differenzierten Blick auf Entwicklung. Dabei steht für Yvonne Fischer stets der Dialog im Mittelpunkt – ein gemeinsames Verstehen, das Klarheit schafft, entlastet und nachhaltige Perspektiven eröffnet.

Interview mit Yvonne Fischer

Yvonne Fischer Interview

Was hat Sie ursprünglich dazu bewogen, Menschen auf ihrem persönlichen Weg zu begleiten und was trägt Ihre Arbeit heute inhaltlich am stärksten?

Bereits in früher Jugend entwickelte ich den Wunsch, Psychologie zu studieren, da es mich schon immer interessierte, menschliches Verhalten nicht nur als Symptom oder „wandelnde Diagnose“, sondern als Resultat der gesamten Entwicklung zu sehen, einzelne Puzzleteile, die ein Ganzes ergeben.

Auch Möglichkeiten, eingefahrene, mitunter schädigende Muster wieder in positive Richtungen lenken zu können – quasi ein Umsortieren der Puzzlestücke- reizte mich. Mittels wissenschaftlich-fundierter Diagnostik einen Grundstein dafür zu legen, faszinierte mich seit Studienbeginn.

Welche Angebote und Settings bieten Sie in Ihrer Praxis an, wie wählen Sie gemeinsam mit Ihren KlientInnen den passenden Rahmen aus?

Aktuell konzentriert sich meine Praxistätigkeit fast ausschließlich auf sorgfältige, differenzierte klinisch-psychologische Diagnostik, mit Spezialisierung im Kinder- und Jugendbereich, aber auch Erwachsene.

Da eine genaue Diagnostik die Grundlage einer erfolgreichen, bedarfsangepassten Weiterbehandlung darstellt, ist dies ein wichtiger Baustein, um KlientInnen von Beginn an bestmöglich für den weiteren Weg vorzubereiten, Ursachen und Wirkmechanismen der beschriebenen Symptomatik sichtbar zu machen – und im Idealfall Frustrationsmomente in der Behandlung zu vermeiden.

Diagnostisch liegt mein Schwerpunkt im Bereich Autismus, ADHS und Teilleistungsstörungen, welche unter dem mittlerweile immer bekannteren Begriff der „Neurodivergenz“ zusammengefasst sind.

Ein weiterer Kernpunkt ist Elternberatung im Bereich Autismus und ADHS, um nach Diagnosestellung für gute Aufklärung zu sorgen und Bezugspersonen Handlungsstrategien zu geben – diese sind natürlich nicht pauschal gültig, aber oftmals bereiten kleine Veränderungen- etwa im Umgang mit Krisensituationen oder Fördern von Verständnis- Erleichterung.

Die Behandlung im Einzelsetting ist mittlerweile nicht mehr auf Langzeitbehandlung ausgelegt, sondern vorgesehen für Psychoedukation und Auseinandersetzen mit der Diagnose, etwa der Umgang in Schule oder Arbeit.

Einen neuen, wachsenden Bereich stellt momentan- in multiprofessioneller Zusammenarbeit – auch die Beratung und Begleitung von Betroffenen und deren Angehörigen mit selektiven Essverhalten bis hin zu ARFID dar.

Ein zentraler Schwerpunkt Ihrer Arbeit liegt bei Autismus und ADHS und Neurodivergenz. Was ist ihnen bei Diagnostik und Begleitung dabei besonders wichtig?

Im Rahmen meiner diesbezüglichen Arbeit ist mein größtes Anliegen, eine valide, umfassende und state oft the art-Diagnostik durchzuführen.

Gerade in diesem Bereich, wo es sich nicht um vorübergehende Diagnosen wie etwa einer depressiven Episode oder Angstsymptomatik handelt, ist dies enorm wichtig. Dazu reicht es nicht, bloß die aktuelle Situation zu erheben, man muss die Entwicklungsanamnese der gesamten Lebensspanne betrachten.

Dies sind Faktoren, die etwa bei Social-Media Inhalten gänzlich wegfallen und häufig zu Missinterpretationen und Verunsicherung führen. Hier ist es wichtig, mit viel Fingerspitzengefühl und fachlicher Kompetenz unter Miteinbezug der Bezugspersonen ein ganzheitliches Bild zu erhalten.

Nur so können Fehldiagnosen und damit verbundene evt. unpassende Behandlungsschritte vermieden werden.

Ein Beispiel: Konzentrationsschwäche, basierend auf einer Depression oder Leistungsangst, muss grundlegend anders behandelt werden als eine ADHS. Hier ist es mir sehr wichtig, nicht im „Tunnelblick“ der Verdachtsdiagnose hängen zu bleiben sondern Differentialdiagnosen miteinzubeziehen.

Gerade jetzt, da Anpassungsprozesse („Maskieren“) immer mehr thematisiert werden, ist genaues Hinschauen wichtig, da es sich bei Maskieren etwa nicht um ein autismus- oder ADHS-spezifisches, sondern transdiagnostisches Konzept handelt. Dies mag im ersten Moment mühsam, mitunter unnötig erscheinen, ist auf lange Sicht jedoch für Behandlungserfolg unabdingbar.

Diesbezüglich habe ich in den letzten Jahren sehr viel positive Rückmeldung erhalten, was meine Kombination aus stets aktuellem Wissen verbunden mit Verständnis, wertschätzender, neuroaffirmativer Haltung betrifft.

Der Dialog mit den Personen selbst, nicht nur ein Sprechen über sie ist mir dabei besonders wichtig und verschafft mir durch ehrliches Interesse ein tiefes Verständnis unterschiedlicher Lebenswelten.

Dabei ist einer der ersten Leitsätze, die ich im Rahmen meines Praktikums vor mittlerweile 20 Jahren übernehmen durfte, mein Grundsatz geblieben: „Du zeigst mir deine Welt – ich zeig dir meine Welt – dann haben wir vielleicht ein Stück gemeinsame Welt“ (E.Muchitsch).

Yvonne Fischer: Sicherheit geben, Klarheit schaffen – Begleitung rund um die Diagnose

Yvonne Fischer yvonne-fischer.at

Wie unterstützen Sie Betroffene und Angehörige auf dem Weg zur Diagnose in der Zeit und danach?

In meiner Praxis erlebe ich oft Eltern, deren Kinder eine Verdachtsdiagnose wie Autismus oder ADHS erhalten, dadurch stark verunsichert und belastet sind. Ein erster wichtiger Schritt ist dann für mich, aufzuklären und psychoedukativ tätig zu werden.

Sollte sich die Diagnose bestätigen, erfolgt eine umfassende Aufklärung, auf Wunsch auch die Diagnoseübermittlung mit dem Kind – denn Transparenz und die Kenntnis der eigenen Diagnose ist in jedem Alter wichtig, um Verständnis für das eigene Verhalten und dessen Ursprung zu entwickeln, damit Frustrationsmomente gering ausfallen.

Denn – Mitteilen der eigenen Diagnose ist Kindern immer zumutbar, wenn diese alterssensibel passiert.

Gibt es ein Erlebnis, einen Prozess oder einen Moment, der Ihnen besonders gezeigt hat, wie wirksam Ihre Arbeit sein kann?

Momente, die mich in der Praxis immer wieder prägen und mich mit Freude erfüllen, sind etwa, wenn ich sehe, wie die richtige Diagnose zu Klarheit verhelfen kann, um weitere Schritte zu setzen oder liebevoller mit sich selbst umzugehen.

Mir ist es dabei immer wichtig, wertfrei das Verhalten Puzzleteil zu sehen, wieso Personen so handeln, wie sie handeln.

Diese Haltung bemerken die Eltern, die oft hoch belastet oder schambesetzt in meine Praxis kommen und sich im Laufe der Untersuchung immer mehr öffnen können, dysfunktionale innerfamiliäre Muster ansprechen trauen und die Erfahrung machen, „trotzdem“ respektvoll behandelt zu werden.

Für mich ist es immer wieder berührend zu sehen, wenn ich etwa junge Burschen in der Diagnostik vor mir sitzen habe, die aufgrund von Aggressionsproblemen zu mir geschickt werden, anfangs häufig oppositionell.

Zu erleben, dass diese sich öffnen, wenn sie sich gesehen fühlen und ich sie nicht verurteile für das geschilderte Verhalten und ihnen zeige, dass ich gerne gemeinsam hinter die Symptomatik schauen möchte, welche gerade bei Kindern und v.a. Burschen auch Ausdruck von depressiver Verstimmung oder Angstgefühlen sein können.

Dabei Zeit lasse, Vertrauen zu fassen und in ihrem Tempo den Weg mit ihnen gehe, ist für mich stets ein sehr berührender Moment, der mir zeigt, dass das genaue Hinschauen Sinn macht und stolz macht, einen Beitrag zu einer positiven weiteren Entwicklung beisteuern zu können und den Eltern oftmals viel Druck und Belastung nehmen kann.

Hier erinnere ich mich an einen siebenjährigen Buben vor einigen Monaten, der aufgrund massiver Impulsdurchbrüche und aggressiven Verhalten zu mir kam, Verdachtsdiagnose Störung des Sozialverhaltens.

Anfangs skeptisch, im Kontakt stets  provozierend,  hat  er  mir  dennoch  immer  wieder  Informationen „hingeworfen“, aus denen sich das Bild eines eigentlich stark leidenden kleinen Jungen ergab, der unter Ausschluss aus der Peergruppe litt und auch die elterlichen Konflikte zuhause schienen ihn stark zu belasten.

Von all dem hatte er jedoch noch niemandem berichtet, weil er ihm „ja eh niemand zuhöre und glaube“. Als ich ihm daraufhin ein wenig von kindlicher depressiver Symptomatik und deren Erscheinungsform erzählte, wurde er gesprächiger und es zeigte sich ein Bub, der weit weg von der eigentlichen Verdachtsdiagnose war.

Der Abschiedsmoment, als er am Ende der Diagnostik nochmal alleine zu mir in den Raum zurückkam, mich fest umarmte und dabei weinte, während er meinte, dass ich „die erste Erwachsene bin, die ihn nicht gleich geschimpft hat und zugehört hat, auch wenn er wütend war“ und endete mit “Danke, dass du in meinem Team bist“, wird wohl immer einer meiner „Gänsehaut-Momente“ bleiben, die mir zeigen, wie wertvoll Zeitgeben und Vertrauen sind.

Sie bieten auch Supervision für PsychologInnen und Fachpersonen an. Für wen ist dieses Angebot gedacht und welchen Fokus hat die Supervisionsarbeit?

Im Rahmen der von mir angebotenen Supervision im Bereich der Diagnostik für Kinder und Jugendliche, welches sich an Psychologinnen (auch in Ausbildung) richtet, ist es mir ein Anliegen, meine differenzierte Herangehensweise weiterzugeben – sich nicht nur von der offensichtlichen Verdachtsdiagnose leiten zu lassen, sondern den Blick öffnen für Dinge, die nicht sofort im Ersttermin ersichtlich werden. Neugierig zu bleiben.

Meine Expertise im Bereich ADHS soll dazu beitragen, auch nicht sofort offensichtliche Symptomatik, wie etwa die nicht durch hyperaktives Verhalten geprägte Form oder bei sehr guten kognitiven Fähigkeiten aufgrund von Kompensationsstrategien in der Schule oft unauffällige Kinder dennoch eine valide Beurteilung zu ermöglichen.

Im Bereich Autismus hoffe ich, durch meine langjährige Erfahrung mehr Sensibilität und Bewusstsein in der Diagnostik zu schaffen.

Supervision abseits diagnostischer Fragen bezieht sich auf Unterstützungsmöglichkeiten, Umgang mit Herausforderungen und auch, wann eine Verdachtsdiagnose im Raum stehen könnte -und wann auch nicht –etwa für pädagogische Fachkräfte in Kindergarten oder Schule.

Rückmeldungen über Umgesetztes freuen mich natürlich immer, da es zeigt, dass ein Transfer von Theorie zur Praxis gelingt und oft einfach wirkende Tipps große Veränderung schaffen können

Dies hat mich auch dazu bewogen, ein langjähriges Wunschprojekt in Form eines in Arbeit befindlichen „Workbook“ zu der Thematik zu gestalten, endlich umzusetzen- mit Werkzeugen für Bezugspersonen, psychoedukativen Inhalten, altersadäquater Diagnosevermittlung aber auch Beiträgen von Kindern und Jugendlichen, die einen Teil dazu mittels gelebter Erfahrung beitragen.

Zu sehen, durch meine Arbeit sehr häufig die Grundlage für ein harmonischeres Miteinander zu legen, das zu mehr Verständnis führt, erfüllt meine Arbeit stets mit Freude und Sinnhaftigkeit.

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