Wertschätzung ist mehr als bloße Höflichkeit – sie ist eine innere Haltung, die berührt und verbindet. Mag. Teml-Wall beschreibt sie als stille Verneigung vor dem Leben und als Grundlage für echte zwischenmenschliche Beziehung. In ihrer Arbeit begleitet sie Menschen mit viel Erfahrung, Präsenz und einem tiefen Gespür für das, was sich im Inneren und im Miteinander zeigt.
Ob in Einzelsitzungen, Paar- oder Elternbegleitung oder in akuten Krisen – stets geht es ihr darum, Räume zu schaffen, in denen sich Entwicklung und echte Verbindung entfalten können. Besonders eindrücklich ist ihr Konzept der „Wertschätzungszone“ – ein innerer Ort der Klarheit, Verantwortung und Lebendigkeit.
Mag. Teml-Wall im Interview

Photocredits Theresa Pewal
Was bedeutet für Sie echte Wertschätzung – jenseits von Höflichkeit oder Lob?
Wertschätzung ist für mich ein besonderes Wort. Es löst etwas in mir aus, bringt mich in eine ruhige, berührte Stimmung. Es geht dabei nicht um Höflichkeit oder ein Lob – sondern um Tiefe. Um das Wunder Mensch. Echte Wertschätzung bedeutet für mich, anzuerkennen, dass ein Mensch allein durch sein Dasein wertvoll ist. Nicht wegen seiner Leistung, nicht wegen seines Tuns – sondern einfach, weil er da ist.
Seit ich vor vier Monaten Großmutter geworden bin, spüre ich das noch stärker: wie sehr Wertschätzung auch eine stille Verneigung vor dem Leben ist. Und wie schnell wir vergessen, dass wir nichts beweisen müssen, um wertvoll zu sein. Wir verlieren uns oft in Ideen, was wir alles brauchen oder tun sollten. Doch das Wesentliche liegt im Sein.
Welche konkreten Angebote finden Menschen bei Ihnen – insbesondere Einzelsessions, Paar‑ und Elternbegleitung, Business‑Coaching, SOS‑Hilfe, Supervision oder Gruppenarbeit – und wie sieht eine Zusammenarbeit typischerweise aus?
Ich bin fasziniert von der Dynamik zwischen Menschen – und ebenso von der inneren Dynamik, die jeder Mensch mit sich selbst lebt. Wie im Innen, so im Außen: Unsere Beziehungen spiegeln oft, wie wir uns selbst begegnen.
Deshalb arbeite ich nicht in erster Linie mit Inhalten – die kommen oft erst am Ende. Mich interessiert, welche wiederkehrenden Muster Menschen blockieren, wo sie festhängen, obwohl sie es längst anders wollen.
Ich schaue genau hin, aber auf eine sehr achtsame, respektvolle Weise – und begleite dabei, Alternativen zu entwickeln, die wirklich greifen.
Meine Leidenschaft gilt allem, was mit Beziehung zu tun hat: zu sich selbst, zum Partner, zu den Kindern oder zu den eigenen Eltern.
Weil ich gut ausgebucht bin, gibt es zusätzlich ein SOS-Angebot – für Menschen, die gerade in einer akuten Situation sind und nicht lange warten können.
Wenn der Hut brennt, bin ich da – und allein dieses Gefühl, ab dem Moment der Buchung nicht mehr allein zu sein, wirkt oft schon entlastend. Dieses Angebot wird sehr gerne genutzt – und mir macht es große Freude, weil ich hier zeitnah und wirksam unterstützen kann.
Sie sprechen von der „Zone der Wertschätzung“. Was verändert sich, wenn ein Mensch diese Zone wirklich betritt?
Ich bin ein sehr visueller Mensch – und stelle mir gern einen Kreis um mich herum vor. Das ist mein persönlicher Raum, meine Grenze, mein innerer Garten.
Ein Ort, an dem ich zuhause bin, den ich pflege, der mir gehört. Von dort aus kann ich wirksam sein. Dieses Bild war für mich der Anfang des Begriffs Wertschätzungszone.
Es ist ein innerer Ort, an dem ich eingeladen bin, mir bewusst Fragen zu stellen: Wie will ich es dort haben? Wer bin ich? Wie möchte ich leben, sprechen, handeln? Und von diesem Ort aus – aus dieser inneren Klarheit und Präsenz – beziehe ich mich dann auf andere.
Für mich ist die Wertschätzungszone ein Raum bewusster Lebensgestaltung.
Sie steht im Kontrast zu den vielen automatischen Mustern, die wir oft aus unserer Familie oder der Gesellschaft übernehmen, ohne sie zu hinterfragen.
In der Wertschätzungszone übernehme ich Verantwortung für mein Leben, meine Beziehungen, meine Wirkung. Es ist ein geschützter Raum – aber auch ein kraftvoller, gestaltender. Und je klarer und liebevoller ich diesen Raum für mich definiere, desto klarer und liebevoller kann ich auch mit anderen in Beziehung gehen.
Mag. Teml-Wall: Wege zurück zur inneren Verbundenheit im Berufsleben

Photocredits Andrea Sojka
Viele Menschen funktionieren im Alltag und verlieren sich im Tun. Was hilft Ihrer Erfahrung nach, wieder ins echte Spüren zu kommen – gerade im Berufsleben?
Menschen kommen oft erst dann ins Spüren, wenn etwas wehtut. Wenn eine Beziehung schmerzt, wenn der Körper sich meldet, wenn es eng wird – oder wenn Außenbeziehungen entstehen, weil das Nichtspüren nicht mehr funktioniert. Doch dann ist das Spüren meist kein angenehmes, sondern ein schmerzhaftes.
Für mich bedeutet echtes Spüren: wieder zu sich kommen. Innehalten. In den eigenen Kreis zurückkehren. Entschleunigen. Und mit Begleitung das eigene Normal hinterfragen.
Denn oft sitzen Paare vor mir, für die es ganz „normal“ ist, in einer nicht wertschätzenden Art miteinander zu sprechen. Meine Aufgabe ist es dann, dieses Normal behutsam aufzufächern – und mit ihnen gemeinsam ein neues, lebendigeres Miteinander zu entwickeln.
Im Berufsleben zeigt sich etwas Ähnliches: Viele Menschen tragen eine Rüstung, um überhaupt bestehen zu können. Auch ich selbst habe einmal einen Beruf aufgegeben, der mir nicht mehr entsprach. Es braucht Mut, sich auf die Suche zu machen nach dem, was wirklich passt.
Wer in einer Form lebt oder arbeitet, für die er nicht gemacht ist, riskiert Erschöpfung – und genau das sehe ich häufig: Menschen brennen aus, weil sie ihre Energie in ein Leben stecken, das ihnen tatsächlich nicht entspricht.
Wie gehen Sie mit innerem Widerstand oder Unruhe in einem Prozess um – bei sich selbst oder bei Ihren Klient:innen?
Wenn ich während meiner Arbeit innere Unruhe spüre oder sich ein Anteil in mir meldet – zum Beispiel Wut –, dann nehme ich das ernst. Ich ziehe diesen Anteil in Betracht, spüre hin, was da gerade lebendig wird. Manchmal benenne ich das offen: dass sich in mir gerade etwas regt. Oder ich bitte diesen inneren Anteil, zur Seite zu treten – weil jetzt nicht der Raum dafür ist. Auch bei meinen Klient:innen nehme ich Widerstand nicht als Problem wahr, sondern als Ausdruck eines Anteils, der schützen will.
Wenn jemand in den Schutzmodus geht, weiß ich: Etwas hier wird als gefährlich erlebt – der Raum, ich, vielleicht auch die Partnerin oder der Partner. Dann ist meine Aufgabe, präsent zu bleiben, nachzufragen, zu warten. Vor allem aber: im grünen Bereich zu bleiben, wenn mein Gegenüber im roten Bereich ist. Besonders herausfordernd wird es, wenn jemand sagt: „Das ist doch ganz normal.“ Dann halte ich liebevoll meine Klarheit – und lade ein, die eigene Normalität zu hinterfragen.
Ich stelle meine Wahrnehmung zur Verfügung, ohne zu erwarten, dass sie übernommen wird. Ich bitte nur darum, sie zu überprüfen. Denn meine Stärke ist auch das somatische Spiegeln – das feine Wahrnehmen und Benennen von zwischenmenschlichen Zuständen. Und ich lade ein, genau hinzuschauen, wie ich etwas meine – und nicht nur, was ich sage.
Welche Rolle spielt Präsenz in Ihrer Arbeit? Und was braucht es aus Ihrer Sicht, damit echte Präsenz entstehen kann – nicht nur als Methode, sondern als Haltung?
Präsenz ist die Grundhaltung meiner Arbeit. Sie bedeutet für mich, ganz da zu sein – für das, was meine Klient:innen gerade mitbringen.
Meine inneren Anteile sind ruhig. Ich habe über 30 Jahre Beratungserfahrung und ein tiefes Vertrauen in mich und meinen Erfahrungsschatz. Früher habe ich versucht, mich auf Klient:innen vorzubereiten – heute weiß ich, dass die wichtigste Vorbereitung darin liegt, offen zu sein für den Menschen im Jetzt. Natürlich kann es wichtig sein, die Geschichte zu kennen – aber echte Begegnung geschieht im Moment. Und genau diese Begegnung schafft einen Raum, in dem tiefe Erfahrungen möglich werden, die auch im Leben etwas verändern.
Ich arbeite mit Einladungen – öffne einen Möglichkeitsraum, in dem Menschen spüren können, was sie wirklich wollen, und wir gemeinsam erkunden, was dem im Weg steht. Ich habe im Laufe meines Lebens viele Aus- und Fortbildungen gemacht – aus echtem Interesse am Menschsein.
Und schon in meiner allerersten Ausbildung 1997 hat mein Lehrer etwas gesagt, das mich bis heute begleitet: „Du bist die Methode.“Genau das lebe ich. Ich bringe keine vorgefertigten Antworten mit. Ich bringe mich – und schöpfe aus meinem gelebten Wissen.
Über Mag. Teml-Wall:
Meine Leidenschaft gilt der Erforschung und Harmonisierung von Dynamiken in nahen, emotional bedeutsamen Beziehungen – zu uns selbst, zum Partner oder zur Partnerin, zu unseren Kindern und den eigenen Eltern. Der emotionale Klimawandel in Familien bewegt mich – beruflich wie privat.
Ich bin Co-Autorin der Spiegel-Bestseller „Mama, nicht schreien!“ und „Keine Angst, Mama!“ (mit Jeannine Mik) sowie von „Ent-Eltert Euch!“, einem Ermutigungsbuch, sich selbst gegenüber den eigenen Eltern treu zu bleiben (mit meinem Mann Martin).
Ich bin Mutter von drei, Bonusmutter von zwei erwachsenen Kindern in einer bunten Patchworkfamilie – und seit Kurzem auch Großmutter.


