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Pia Hoffmann: Psychologische Begleitung in Krisen und Wendepunkten

Pia Hoffmann begleitet als Klinische-, Gesundheits- und Notfallpsychologin Menschen in akuten Krisen und belastenden Lebensphasen mit Klarheit und Empathie. In ihrer Arbeit schafft Pia Hoffmann einen sicheren Raum, in dem starke Gefühle sein dürfen, ohne bewertet oder verdrängt zu werden.

Sie verbindet akute Symptomentlastung mit achtsamer Ursachenforschung und stärkt dabei Selbstwert und Selbstwirksamkeit. Ihr Ansatz eröffnet neue Perspektiven, wenn der Blick verengt ist, und unterstützt dabei, Stabilität und Handlungskraft Schritt für Schritt zurückzugewinnen.

Interview mit Pia Hoffmann

Pia Hoffmann Interview

Was hat Sie persönlich dazu bewegt, als Klinische-, Gesundheits- und Notfallpsychologin Menschen in belastenden Lebensphasen zu begleiten?

Als ich zu arbeiten begann, wusste ich noch nicht genau, wo meine Stärken liegen und mit welchen Klientinnen ich besonders gut arbeiten kann. Das hat sich mit der Zeit gezeigt.

Menschen in akuten Krisen oder belastenden Lebensphasen liegen mir besonders am Herzen.

Diese Personengruppe braucht oft rasch Unterstützung – mit einem klaren Ziel: die Krise oder herausfordernde Phase gut zu bewältigen und daran nicht zu zerbrechen. Gleichzeitig zeigt sich häufig, dass sich das Unterstützungsnetz mit zunehmender Schwere der Situation langsam auflöst.

Angehörige und FreundInnen sind selbst überfordert, wissen nicht, was sie sagen sollen, oder halten starke Gefühle schwer aus. Mir macht das nichts. Einen sicheren Raum zu schaffen, in dem alles da sein darf – Schock, Wut, Traurigkeit, Verzweiflung oder Enttäuschung – empfinde ich als etwas sehr Wertvolles.

Gefühle müssen nicht bewertet oder weggemacht werden, sondern dürfen zunächst einfach sein.

In Krisen entsteht oft ein Tunnelblick. Wenn sich der Blick wieder weitet, kehren auch Orientierung, Entscheidungskraft und Handlungsmöglichkeiten zurück.

Sie betonen die Verbindung von Symptombekämpfung und Ursachenforschung – wie greifen diese beiden Ansätze in Ihrer Arbeit ineinander?

In dieser Arbeit schaut man auf die aktuellen akuter Symptome und versucht ihrer Entstehungsgeschichte zu verstehen. Denn nachhaltige Veränderung gelingt meist dann, wenn wir nicht nur am aktuellen Leidensdruck arbeiten, sondern auch zugrunde liegenden Muster erkennen.

Die Ursachen späterer psychischer Probleme sind vielfältig und hängen stark von der jeweiligen Symptomatik ab. Manchmal spielen frühe Lebenserfahrungen eine zentrale Rolle. Strategien, die in der Kindheit hilfreich oder sogar notwendig waren, können im Erwachsenenalter hinderlich werden.

Ein Beispiel ist die sogenannte Parentifizierung: Wenn ein Kind früh viel Verantwortung übernimmt oder sich emotional um die Eltern kümmern muss, entwickelt es oft ein hohes Maß an Anpassungsfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein. Das sind zunächst Ressourcen.

Problematisch wird es jedoch, wenn sich das Kind an belastende oder schädliche Bedingungen anpassen musste. Was damals geholfen hat, Bindung zu sichern oder Konflikte zu vermeiden, führt später nicht selten zu Selbstüberforderung und Schwierigkeiten, eigene Grenzen wahrzunehmen und zu setzen.

Überengagement in Beziehungen oder im Beruf kann dann mit einem erhöhten Risiko für Erschöpfung oder Burnout einhergehen.

Auch wiederholte negative Erfahrungen oder eine einen entwertende Bezugsperson hinterlassen häufig tiefe Spuren. Sie können leider die inneren Überzeugungen prägen. Negative Grundannahmen beeinflussen, wie Menschen ihre eigenen Fähigkeiten und zukünftige Situationen bewerten.

Ein weiterer zentraler Faktor ist der Umgang mit Gefühlen. Wenn Kinder nicht lernen durften, Emotionen wahrzunehmen, zu benennen und zu regulieren, bleibt dies oft eine Entwicklungsaufgabe im Erwachsenenalter.

Symptome verstehe ich daher nicht als „Störung“, sondern oft als notwendige Reaktionen auf Gegebenheiten oder frühere Erfahrungen. Alle Menschen erleben schwierige Lebensphasen.

Manche starten jedoch mit deutlich ungünstigeren Bedingungen. Das erklärt, warum einige mehr Zeit, Unterstützung oder bewusste Aufarbeitung benötigen, um wieder Stabilität zu finden.

Mit welchen psychischen oder psychosomatischen Beschwerden kommen Menschen am häufigsten zu Ihnen?

In meiner Tätigkeit im Flüchtlingsbereich und im Opferschutz standen sehr häufig Gewalterfahrungen, posttraumatische Belastungsstörungen sowie komplexe

Traumafolgestörungen im Vordergrund. Begleitend zeigten sich oft psychosomatische Beschwerden wie Kopf- und Rückenschmerzen, Bluthochdruck oder Gastritis.

Aktuell sind insbesondere Depressionen und Angsterkrankungen ein zentrales Thema in meiner Praxis.

Vor allem bei jungen KlientInnen treten diese gehäuft auf. Was ich jedoch deutlich wahrnehme: Viele der Jugendlichen, die mir heute begegnen, leben bereits seit längerer Zeit unter sehr belastenden Bedingungen oder haben während der Corona-Pandemie sozial den Anschluss verloren. Fehlende Ressourcen, Isolation und Zukunftsunsicherheit wirken hier oft als verstärkende Faktoren

Pia Hoffmann: Wenn Verluste alles verändern – und neue Perspektiven wachsen dürfen

Pia Hofmann psychologie-hoffmann.at

Welche Rolle spielen einschneidende Lebensereignisse wie Trennungen, Verluste oder berufliche Krisen in Ihrer täglichen Praxis?

Verluste spielen eine große Rolle – unabhängig vom Alter. Der Tod wichtiger Bezugspersonen, der Verlust des Arbeitsplatzes oder einschneidende Diagnosen machen es vielen Menschen schwer, wieder nach vorne zu blicken.

Aktuell arbeite ich unter anderem mit Menschen mit Behinderungen sowie mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Erwachsene Menschen mit Behinderungen haben häufig eine zentrale Bezugsperson, auf die sie stark fokussiert sind. Deren Verlust bedeutet oft eine tiefgreifende

Lebensveränderung – vieles ist nicht mehr wie zuvor und wird es auch nicht mehr sein. Während manche Menschen auf ein breites Unterstützungsnetz zurückgreifen können, fehlt diese Ressource dieser Personengruppe oft.

Auch bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen zeigen sich besondere Herausforderungen. Jene, die während der Corona-Zeit wichtige Lerninhalte oder soziale Entwicklungsschritte versäumt haben, hatten es später deutlich schwerer, wieder Anschluss zu finden. Ohne

Schulabschluss aus dem System auszuscheiden – oft auch aufgrund fehlender Unterstützung – ist einschneidend und wirkt sich stark auf das Selbstbewusstsein aus.

Der Weg zurück in ein Ausbildungs- oder Unterstützungssystem ist meist steinig. In beiden Gruppen spielt das Selbstbild eine zentrale Rolle: Wie sehe ich mich selbst? Was traue ich mir noch zu? Themen wie Selbstwert und Selbstwirksamkeit sind hier besonders wichtig. Ebenso essenziell ist es, neue Perspektiven zu entwickeln.

Ein Verlust bedeutet ein Ende – aber nicht das Ende der eigenen Geschichte. Alte Zukunftsbilder können zerbrechen, doch mit Zeit und Unterstützung dürfen neue entstehen.

Sie begleiten auch bei sexuellen und geschlechtlichen Identitätsthemen warum ist Ihnen dieser Bereich besonders wichtig?

Ja, das kann ich gut nachvollziehen. Ich habe mich selbst intensiv mit dem Thema Geschlechtsidentität auseinandergesetzt und bewege mich in einem Umfeld, in dem eine bunte Individualität und Selbstbestimmung gelebt werden.

Das Abspalten oder Verdrängen eigener Anteile ist auf Dauer sehr kraftaufwendig. Für meine eigene Identität und mein Wohlbefinden war es wichtig, meinen eigenen Weg zu gehen jenseits traditioneller Geschlechterrollen.

Der Weg zur Selbstliebe bedeutet für mich, alle eigenen Anteile kennenzulernen, anzunehmen und zu Leben – auch jene, in denen man anders ist als andere. Gerade in den individuellen Facetten liegt oft ein wichtiger Teil der eigenen Authentizität.

Gab es ein besonderes Erlebnis oder eine Rückmeldung, die Ihnen gezeigt hat, wie nachhaltig Ihre psychologische Begleitung wirkt?

In vielen Momenten. Zum Beispiel dann, wenn Menschen nach intensiver gemeinsamer Arbeit beginnen, sich zu wehren und ihre Grenzen klarer zu kommunizieren. Wenn sie sich trauen, „Nein“ zu sagen oder für sich einzustehen, ist das oft ein wichtiger Wendepunkt.

Viele Menschen sind sich der Ressourcen, die sie im Laufe ihres Lebens entwickelt haben, gar nicht bewusst. Wenn wir diese gemeinsam sammeln und sichtbar machen, bekommen sie eine neue Präsenz im Leben der Betroffenen – und können bewusst genutzt werden.

Es ist immer wieder schön zu sehen, wie sich dadurch der Blick auf die eigene Stärke verändern kann.

Ich erlebe Wirkung auch bei Menschen, die gelernt haben, sich selbst stets hintenanzustellen – wenn sie beginnen, besser für sich zu sorgen. Oder bei Personen in Gewaltbeziehungen, wenn sie allmählich verstehen, dass sie keine Schuld daran tragen, dass ihr Gegenüber sich nicht kontrollieren kann. Solche Prozesse brauchen einfach ihre Zeit.

Ein Fall ist mir besonders in Erinnerung geblieben: Ein Vater, dessen Tochter nach einer schweren Infektion im Teenageralter nicht mehr zu sich kam. In seiner Hoffnung, sie retten zu können, brachte er sie von Georgien nach Berlin, später nach Graz und schließlich nach Wien. So kamen sie in meinen Zuständigkeitsbereich.

In unserem ersten Gespräch fragte ich ihn, wie es ihm gehe und wie er sich heute fühle. Er hielt kurz inne und sagte: „Das hat mich seit Monaten niemand mehr gefragt.“ Von da an führten wir wöchentliche Gespräche, oft zwei bis drei Stunden lang. Er funktionierte im Autopiloten – kämpfte unermüdlich für sein Kind und vergaß dabei sich selbst.

Irgendwann bleibt von der eigenen Substanz kaum noch etwas übrig. Einen Raum anzubieten, in dem dieser großgewachsene, 50-jährige Mann seine tiefe Verzweiflung zeigen durfte und nicht funktionieren musste, war ein wesentlicher Teil der Arbeit.

Später konnten wir kleine Rituale etablieren: Den Großteil des Tages durfte er sich mit der Situation seiner Tochter befassen, doch eine halbe Stunde täglich widmete er bewusst seiner eigenen Gesundheit – etwa durch einen Spaziergang zur Stabilisierung seines Blutdrucks.

So bespricht man die unterschiedlichen Themen: Wann hat man alles versucht? Was macht man mit Dingen, die man nicht ändern kann? Wie kann Abschied ausschauen und wann ist es an der Zeit?– und zu einer Etablierung von Selbstführsorge.

Über Pia Hoffmann:

Ich bin Klinische-, Gesundheits- und Notfallpsychologin und begleite Menschen in akuten Krisen sowie bei langfristigen psychischen Belastungen. Ein besonderer Schwerpunkt meiner Arbeit liegt im Opferschutz und in der traumasensiblen Begleitung.

Durch meine Tätigkeit im interkulturellen Kontext bin ich für kulturelle Unterschiede und individuelle Lebensrealitäten besonders sensibilisiert.

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