Suse Legler hat mit dem Nelles Institut Österreich einen Raum geschaffen, in dem Menschen dem LebensIntegrationsProzess (LIP) auf einzigartige Weise begegnen können. Ihr eigener tief bewegender LIP war der Auslöser, diesen Bewusstseinsweg nach Österreich zu bringen und hier zu verankern. Der Ansatz verbindet Lebensphasen, Präsenz und phänomenologische Haltung zu einer kraftvollen Form der inneren Entwicklung.
Im Interview spricht Suse Legler darüber, was den LIP auszeichnet, warum er gerade in Übergangszeiten Orientierung bietet und wie dieser Weg Menschen in ihre Ganzheit führt.
Interview mit Suse Legler

Was war der Auslöser oder die Inspiration, das Nelles Institut Österreich zu gründen und den Lebensintegrationsprozess (LIP) hier bekannt zu machen?
Der wichtigste Auslöser war mein eigenes Erleben des LebensIntegrationsProzesses. Viele Jahre lang war die Aufstellungsarbeit immer wieder klärend. Doch nach meinem 60. Lebensjahr fühlte ich deutlich: Die Themen meiner Herkunfts- oder Gegenwartsfamilie waren abgeschlossen. Meine letzte Aufstellung hatte ich 2003 bei Wilfried Nelles – eine Erfahrung, die mich nachhaltig berührt hat.
Elf Jahre später stieß ich auf seiner Website auf einen kurzen Hinweis zum LebensIntegrationsProzess (LIP). Beim Lesen wusste ich sofort: Das ist es! Hier geht es weiter. Ein Ansatz für Menschen, die nicht mehr reparieren, optimieren wollen, sondern Ganz Mensch werden möchten.
2015 erlebte ich meinen eigenen LIP in Nettersheim. Worte reichen kaum aus – diese Erfahrung muss man einfach machen. Aus diesem Erleben heraus organisierte ich zunächst Seminare mit Wilfried in Wien, und 2018 gründeten wir gemeinsam das NellesInstitut Österreich. Seitdem finden regelmäßig Ausbildungen und Seminare statt; die nächste Hauptstufe startet 2026.
Was unterscheidet den Lebensintegrationsprozess von anderen therapeutischen Ansätzen?
Der LebensIntegrationsProzess ist keine neue Methode, sondern ein bewusstseinsorientierter Entwicklungsweg.
Er versucht nicht, etwas zu korrigieren, sondern ermöglicht tiefes Erkennne und Integration.
Drei Merkmale sind zentral:
- Bewusstseinsorientierung statt Problemorientierung:
Klassische Therapie setzt an Symptomen an. Der LIP fragt dagegen: „Was will gesehen und integriert werden?“ Entwicklung geschieht durch Bewusstheit, nicht durch Analyse. - Das Modell der Lebensphasen:
Der LIP stellt die verschiedenen Stufen des eigenen Lebens räumlich dar – vom ungeborenen Kind bis zum Erwachsenen. Dadurch entsteht ein unmittelbares, leibliches Erleben der eigenen Lebensgeschichte. Es geht nicht um Lösungen, sondern um Annahme. - Phänomenologische Haltung:
Der Begleiter hat keine Agenda. Er folgt dem, was im Moment erscheint. Nichts wird interpretiert oder korrigiert. Gerade die Einfachheit öffnet den Raum, in dem das Leben selbst wirken kann.
Der LIP verbindet psychologische, existenzielle und spirituelle Ebenen und führt zu einem tiefen Ja zum eigenen Weg, zur Ganzheit des eigenen Leben – statt zu Selbstoptimierung oder Selbstverbesserung.
Für welche Themen oder Situationen ist der Lebensintegrationsprozess besonders hilfreich? Können Sie ein Beispiel nennen?
Der LIP ist besonders kraftvoll in Übergangsphasen – wenn etwas im Leben zu Ende geht und das Neue noch nicht klar ist. Viele Menschen kommen, wenn sie das Gefühl haben, immer wieder in dieselben Muster zu geraten oder wenn innere Unruhe, Erschöpfung oder Orientierungslosigkeit auftreten.
In unserer Zeit rasanter kollektiver Veränderungen bietet der LIP wertvolle Orientierung und innere Erdung.
Häufige Themen sind:
- persönliche oder berufliche Neuorientierung
- wiederkehrende Beziehungsmuster
- Krisen und innere Konflikte
- der Wunsch nach Frieden mit der eigenen Geschichte
- Veränderungen im Alter oder in der Lebensrolle
Ein Beispiel:
Eine Person erlebt seit Jahren ähnliche Konflikte in Partnerschaften. Im LIP begegnet sie ihrem jüngeren Ich und erkennt die innere Bewegung, die dieses Muster prägt. Wenn dieser Anteil gesehen und angenommen wird, verliert das Muster seine Kraft – ohne dass gezielt „daran gearbeitet“ werden muss.
Suse Legler: Positive Veränderungen durch den LebensIntegrationsProzess

Welche positiven Veränderungen erleben Menschen durch den Lebensintegrationsprozess?
Viele berichten von einer tiefen inneren Ruhe und Klarheit. Sie spüren, dass sie sich dem Vertrauen ins Leben selbst überlassen können. Durch das vollständige Annehmen ihrer Lebensgeschichte genauso wie sie war und ist, entsteht eine neue innere Ordnung.
Typische Veränderungen sind:
- ein Gefühl von Frieden mit sich selbst
- zur Ruhe kommen
- Vertrauen ins Leben selbst, ins größere Ganze
- Versöhnung mit früheren Lebensphasen
- alte Muster verlieren an Macht
- klarere Entscheidungen
- authentischere Beziehungen
- mehr Präsenz im Hier und Jetzt
Es ist, als würde man vom Tun, Machen ins Sein wechseln – und genau dort beginnt Entwicklung.
Wie verläuft die Ausbildung zum LIP-Begleiter? Welche Haltung ist dabei besonders wichtig?
Die Ausbildung ist (d)ein Bewusstseinsweg, keine technische Schulung. Sie findet in mehreren Modulen über zwei oder mehr Jahre statt und umfasst eigene LIP-Prozesse, das Modell der Lebensalter, phänomenologische Übungseinheiten, Selbsterfahrung und Supervision.
Entscheidend ist nicht das dahinter stehende Wissen, sondern eine Haltung, die erlaubt darüber hinaus zu wachsen: Präsenz, Offenheit, Nichtwissen, die Fähigkeit, Raum zu halten und dem Prozess zu vertrauen. Man kann den LIP nur in guter Weise begleiten, wenn man ihn selbst erfahren und verinnerlicht hat.
Wie sehen Sie die Weiterentwicklung des Lebensintegrationsprozesses in den kommenden Jahren – in Österreich und international?
Der LIP verbreitet sich stetig weiter, sowohl in Europa als auch international. In Österreich wächst das Interesse spürbar, weil viele Menschen nach einem Ansatz suchen, der jenseits von Therapie, Beratung und Spiritualität steht und dennoch beide Ebenen verbindet.
Ich sehe für die kommenden Jahre eine Vertiefung der Ausbildungen, mehr qualifizierte Begleiter*innen und eine wachsende Präsenz in unterschiedlichen Bereichen – von Coaching über Pädagogik bis hin zur Begleitung im Alter. International, besonders in Asien, zeigt sich bereits eine große Resonanz. Der LIP ist universell, schlicht und menschlich – und genau das macht ihn zukunftsfähig.
Über Suse Legler:
Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf´ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden,
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!


