Interviews

Mag. Martina Schneider: Wenn Trauer Raum bekommt und neue Zuversicht wachsen darf

Der Verlust eines Kindes ist eine Erfahrung, die das Leben tief erschüttert – oft still, unsichtbar und von wenig Verständnis begleitet. Mag. Martina Schneider hat mit Rosa Blau Gestreift einen geschützten Raum geschaffen, in dem Trauer nach Schwangerschaftsverlust ebenso Platz hat wie die Ängste und Hoffnungen einer Folgeschwangerschaft.

In ihrer Arbeit verbindet sie fachliche Kompetenz mit einer traumasensiblen, wertfreien Haltung. Im Interview spricht sie darüber, warum Zuhören, Sicherheit und individuelle Begleitung so entscheidend sind – und wie heilsam es sein kann, Trauer nicht allein tragen zu müssen.

Mag. Martina Schneider im Interview

Mag. Martina Schneider Interview

Was hat Sie dazu bewegt, Rosa Blau Gestreift zu gründen und Menschen nach Schwangerschaftsverlust oder in einer Folgeschwangerschaft zu begleiten?

Als Mama von zwei wunderbaren Söhnen kann ich nur erahnen, wie unvorstellbar schmerzhaft der Verlust eines Kindes sein muss. Gleichzeitig bin ich durch meine Klient*innen, aber auch in meinem privaten Umfeld immer wieder mit Schwangerschaftsverlusten und frühen Verlusterfahrungen konfrontiert worden.

Diese Begegnungen haben mir sehr deutlich gezeigt, wie tief die Trauer ist, die viele Eltern in sich tragen. Zwar wächst zunehmend die gesellschaftliche Offenheit, sich mit Schwangerschaftsverlust auseinanderzusetzen, dennoch fehlt es nach wie vor an ausreichenden, gut zugänglichen psychosozialen Unterstützungsangeboten.

Da ich mich bereits seit längerer Zeit auf die Begleitung von Trauerprozessen spezialisiert hatte, war es für mich ein stimmiger Schritt, dieses Angebot zu erweitern.

Rosa Blau Gestreift wurde so zu einem Herzensprojekt von Natascha und mir: Wir wollten einen geschützten Raum schaffen, in dem sich jede*r geborgen und sicher fühlen kann, in dem Verständnis und Offenheit gelebt werden und in dem Trauer nicht allein getragen werden muss, sondern gemeinsam gehalten werden darf.

Wie gestalten Sie den ersten Kontakt mit Betroffenen, die nach einer Fehl- oder stillen Geburt Unterstützung und einen geschützten Raum suchen?

Der erste Kontakt ist für mich vor allem ein sicherer und geschützter Raum, geprägt von einer wertfreien und traumasensiblen Haltung. In diesem ersten Gespräch dürfen Betroffene in ihrem eigenen Tempo erzählen, was passiert ist und wie sie die Zeit danach erlebt haben – ohne Erwartungen, ohne Druck.

Viele empfinden es bereits als sehr entlastend, ihre Geschichte aussprechen zu können, und berichten, dass sie zum ersten Mal so offen über ihren Verlust gesprochen haben.

Darüber hinaus besprechen wir, was bisher hilfreich war, wie der Alltag aktuell gestaltet ist und in welcher Situation sich die Person im Moment befindet. Trauer verläuft sehr individuell und nicht linear, weshalb mir wichtig ist, die jeweilige Lebensrealität mit all ihren Herausforderungen, aber auch vorhandenen Ressourcen zu verstehen.

Auf dieser Grundlage kann eine Begleitung entstehen, die stabilisiert, orientiert und sich an den tatsächlichen Bedürfnissen der Betroffenen ausrichtet.

Welche Formen der Begleitung bieten Sie an, und wie finden Sie gemeinsam heraus, was in der jeweiligen Situation gerade hilfreich ist?

Aktuell bieten wir ausschließlich Einzelbegleitungen an. Unser Team besteht derzeit aus drei klinischen Psychologinnen und einer Mentaltrainerin, wodurch wir unterschiedliche fachliche Zugänge vereinen und sehr individuell arbeiten können.

Im gemeinsamen Gespräch klären wir zunächst, was in der jeweiligen Situation gerade im Vordergrund steht und welche Form der Begleitung im Moment hilfreich ist.

Bei manchen Betroffenen liegt der Fokus vor allem auf der Trauerarbeit und der behutsamen Begleitung durch den Verlust. In anderen Fällen zeigen sich starke Belastungen im Alltag, etwa in Form von aufdrängenden Bildern, emotionalem Wiedererleben oder anhaltender innerer Unruhe, sodass auch traumatherapeutische Elemente eine wichtige Rolle spielen.

Viele Frauen oder Paare kommen nach einem Schwangerschaftsverlust zu uns und werden über den eigentlichen Trauerprozess hinaus begleitet – teilweise auch durch eine folgende Schwangerschaft, die häufig von großen Ängsten vor einem erneuten Verlusterleben geprägt ist.

Ergänzend dazu legen wir großen Wert auf Vernetzung. Je nach Bedarf verweisen wir an andere spezialisierte Institutionen und Fachpersonen, etwa wenn Gruppenangebote sinnvoll erscheinen oder eine gezielte Unterstützung für Kinder notwendig ist. So entsteht eine Begleitung, die nicht isoliert bleibt, sondern sich an den individuellen Bedürfnissen und Lebenssituationen der Betroffenen orientiert.

Mag. Martina Schneider: Schuld, Angst und innere Konflikte nach Verlust

Mag. Martina Schneider rosablaugestreift.at

Welche emotionalen Themen oder inneren Konflikte begegnen Ihnen bei Frauen und Familien nach Verlust oder in einer Folgeschwangerschaft besonders häufig?

Nach einem Schwangerschaftsverlust oder in einer Folgeschwangerschaft begegnen uns sehr häufig intensive Schuldgefühle und Selbstzweifel – viele Frauen fragen sich, ob sie etwas hätten verhindern können oder „falsch“ gemacht haben.

Gleichzeitig sind Ängste vor einer erneuten Schwangerschaft oder vor einem weiteren Verlusterleben oft sehr präsent und begleiten den Alltag auf unterschiedliche Weise.

Ein weiterer zentraler innerer Konflikt betrifft den Umgang mit dem Verlust im familiären Umfeld oder im beruflichen Kontext: Wie viel möchte oder kann ich teilen? Wie gehe ich mit Erwartungen, Unverständnis oder gut gemeinten, aber verletzenden Reaktionen um?

Gerade im Arbeitsleben steht dabei häufig auch die Frage im Raum, ob und wie ein Krankenstand legitim ist und ob man sich das „erlauben darf“. Diese Themen zeigen, wie stark der Verlust nicht nur emotional, sondern auch im sozialen und strukturellen Alltag nachwirkt.

Welche Bedeutung haben Gruppenangebote, Rituale oder Workshops für den Verarbeitungs- und Heilungsprozess aus Ihrer Erfahrung?

Rituale haben im Trauerprozess eine zentrale Bedeutung, weil sie dem Verlust einen bewussten Platz geben und dabei helfen, Abschied, Erinnerung und Verbundenheit zu gestalten. Solche Rituale können auch schon bei ganz frühen Verlusten gefunden werden und Halt bieten.

Häufig begleite ich Familien dabei, eine Erinnerungsbox zu gestalten, die dabei hilft, sich bewusst mit dem Verlust auseinanderzusetzen. Erinnerungen können dabei auch neu geschaffen werden – zum Beispiel durch das Schreiben eines Briefes an das verlorene Kind oder symbolische Gegenstände, die an die gemeinsame Zeit – auch wenn es nur ein paar Wochen waren – erinnern.

Solche Rituale geben einen greifbaren Anker für die Trauer und können helfen, Gefühle zu verarbeiten und in den Alltag zu integrieren.

Auch Gruppenangebote werden von vielen Betroffenen als sehr unterstützend erlebt. Der Austausch mit anderen Frauen oder Familien, die Ähnliches erfahren haben, kann das Gefühl vermitteln, verstanden und angenommen zu sein und mit der eigenen Erfahrung nicht allein zu bleiben.

In diesem gemeinsamen Raum entsteht oft ein tiefes, implizites Verständnis füreinander, das im persönlichen Umfeld nicht immer möglich ist.

Gleichzeitig ist es mir wichtig zu betonen, dass solche Angebote nicht für alle Betroffene und nicht in jeder Phase passend sind: Gerade unmittelbar nach einem Verlust können Gruppen auch überfordernd wirken und bestehende Belastungen durch die Erlebnisse der anderen verstärkt werden.

Viele Betroffene suchen auch in Online-Foren oder sozialen Netzwerken nach Austausch und Unterstützung. Das kann teilweise hilfreich sein, wird aber häufig auch als belastend erlebt.

Die Erlebnisse anderer – sei es in Form von Erfolgsgeschichten oder Erfahrungen ohne den gewünschten Ausgang – können emotional stark triggern und überfordern. Zudem fehlt in digitalen Räumen oft die fachliche Einordnung, die helfen würde, die Vielfalt an Trauerverläufen und Belastungsreaktionen zu verstehen und zu normalisieren.

Deshalb ist es aus meiner Sicht besonders wichtig, genau hineinzuspüren, ob solche Angebote tatsächlich entlasten oder ob sie möglicherweise zusätzlichen Druck erzeugen und die Belastung verstärken.

Gibt es eine Rückmeldung oder ein Erlebnis, das Ihnen besonders gezeigt hat, wie nachhaltig Ihre Arbeit Menschen auf ihrem Weg unterstützt?

Es gibt immer wieder Rückmeldungen, die mich sehr berühren und mir deutlich machen, wie nachhaltig diese Arbeit wirken kann. Einige Familien, die ich nach einem Verlust begleiten durfte, haben mir nach einiger Zeit geschrieben, dass sie inzwischen ein Regenbogenbaby bekommen haben.

Diese Nachrichten berühren mich jedes Mal sehr, denn ich fühle mich mit jeder Familie verbunden und bin dankbar, dass ich sie ein Stück auf ihrem ganz persönlichen Weg begleiten durfte.

Genauso wertvoll sind für mich Rückmeldungen, in denen beschrieben wird, dass hier ein Raum erlebt wurde, in dem wirklich alles gesagt werden darf: eine Auszeit vom Funktionieren, ein Ort der Sicherheit und des Gehaltenseins.

Zu hören, dass genau diese Erfahrung entlastend und stärkend war, zeigt mir immer wieder, wie wichtig es ist, solche geschützten Räume zu schaffen und Menschen auf ihrem individuellen Weg verlässlich zu begleiten.

Über Mag. Martina Schneider:

Mag. Martina Schneider: Ich bin klinische Psychologin und Gesundheitspsychologin, tätig in freier Praxis in Wien. Nach meinem Studium war schnell klar, dass ich direkt mit Menschen arbeiten möchte und sie durch schwierige Lebenslagen begleiten möchte. In den letzten Jahren habe ich zahlreiche Fortbildungen (u.a. im Bereich Traumabehandlung) absolviert und liebe bis heute Bücher, Seminare und den fachlichen Austausch mit KollegInnen.

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