Aus eigener Erfahrung heraus hat Mag. Sabine Schiefer ihren Weg in die psychosoziale Beratung gefunden und begleitet heute Menschen auf ihrem Weg zu mehr innerer Klarheit und emotionaler Freiheit. In ihrer Arbeit verbindet sie Achtsamkeit, Selbstreflexion und die Arbeit mit dem Inneren Kind zu einem ganzheitlichen Ansatz.
Im Interview spricht sie darüber, wie tief verankerte Muster entstehen, warum sie uns prägen und wie es gelingt, sich Schritt für Schritt daraus zu lösen.
Interview mit Mag. Sabine Schiefer

Fotocredit: ViennaShots Mediendienstleistungs-GmbH
Was hat Sie dazu bewegt, als Coachin und psychosoziale Beraterin tätig zu werden und Menschen auf ihrem Weg zu mehr emotionaler Freiheit zu begleiten?
In einer herausfordernden Phase meines Lebens suchte ich nach Möglichkeiten, um besser damit umgehen zu können. Und ich fand „Achtsamkeit“. Das war mein gamechanger. Und mein Weg begann: Ich machte Ausbildungen zur Achtsamkeitstrainerin, zur Lebens- und Sozialberaterin und zur Inneres-Kind-Coachin.
Heute arbeite ich mit Leidenschaft mit Klient:innen. Und es ist mir Motivation und Freude zugleich, zu sehen, wie es für sie Schritt für Schritt leichter wird.
Ich habe selbst erlebt, wie es sich anfühlt, unfreundlich mit sich selbst zu sprechen und umzugehen, in alten Mustern festzustecken, sich zu hinterfragen, an sich zu zweifeln.
Aber meine eigene Geschichte hat mir gezeigt: Innere Veränderung ist möglich! Und mit ihr kann sich innere Freiheit und ungeahntes Potenzial entfalten.
Wichtig ist mir aber zu sagen:
In meinem Verständnis geht es nicht darum, jemand anderer zu werden, sondern dem inneren Kern – der von Glaubenssätzen, Strategien und Mustern überlagert ist – wieder näher zu kommen. So wie beim Schälen einer Zwiebel. Also das auszupacken, was ohnehin schon immer da war.
Viele Menschen fühlen sich in alten Mustern gefangen – welche Themen begegnen Ihnen in Ihrer Arbeit besonders häufig?
Typische Muster, in denen sich viele Menschen wiederfinden, sind zum Beispiel:
- Perfektionismus
- Nicht „Nein“ sagen und keine Grenzen setzen können, laufend eigene Bedürfnisse übergehen und sich selbst zurückstellen
- Überverantwortung übernehmen
- Selbstkritik und –abwertung
- Überanpassung
- Wiederholt ungesunde Beziehungen eingehen (zum Beispiel auch toxische Beziehungen) und lange daran festhalten
- Sich nur über Leistung definieren und bis zur Erschöpfung leisten und funktionieren
- Entscheidungen vermeiden oder aufschieben
- Konfliktvermeidung
- Kontrolle ausüben
- Emotionale Distanz
- Es allen anderen recht machen wollen
- Sich in Beziehungen selbst verlieren
- Emotionen unterdrücken oder überspielen
Die Liste ist lang und diese Muster sind kein Zufall. Sie haben eine Geschichte. Und sie erzählen eine Geschichte. Und genau dort kann man ansetzen.
Wie gelingt es, tief verankerte Denk- und Verhaltensmuster nachhaltig zu erkennen und zu durchbrechen?
Nachhaltige Veränderung beginnt für mich beim Verstehen.
Viele Menschen versuchen, sich „einfach anders zu verhalten“, scheitern aber daran, weil die dahinterliegenden inneren Dynamiken unverändert bleiben.
Ein wichtiger Schritt ist deshalb, sich selbst besser kennenzulernen und zu verstehen: Was denke ich? Welche Emotionen sind da? Wie agiere oder reagiere ich in dieser oder jener Situation? Was triggert mich besonders? Und wie gehe ich dann damit um?
Dann kann man sich seine Glaubenssätze, Strategien und Muster genauer anschauen, um zu verstehen, warum diese unbewusst entwickelt wurden, wovor sie einen geschützt haben und welche Funktion sie urprünglich erfüllt haben. Und das auch zu würdigen. Aber auch zu sehen und zu fühlen, wo sie heute limitieren.
Dieser Schritt wird von vielen häufig einfach übersprungen und es geht mehr darum, das jetzt einfach so schnell als möglich los zu werden. Da fehlt dann aber ein tieferes Verständnis und das erschwert es, Muster nachhaltig zu verändern.
Was ich auch häufig beobachte, ist, dass Menschen die sich ihrer Muster bewusst werden, beginnen, sich selbst dafür zu kritisieren oder zu verurteilen. Das ist aber kontraproduktiv. Da arbeitet man gegen sich selbst. Grundsätzlich dürfen wir uns liebevoll, mitfühlend und mit Verständnis begegnen.
Das alles ist die Grundlage um neue Handlungsspielräume zu entwickeln, andere Verhaltensweisen zu etablieren und dadurch neue Erfahrungen machen zu können.
Und natürlich kommt es auch vor, dass man immer wieder mal in die alten Muster retour rutscht. Wesentlich ist da: Sich nicht dafür zu verurteilen, nicht aufzugeben und dranzubleiben. Denn diese Muster verschwinden nicht von heute auf morgen auf Nimmerwiedersehen, aber sie verlieren zunehmend ihre Macht.
Mag. Sabine Schiefer: Wie Kindheitserfahrungen Beziehungen beeinflussen

Wie hängen Innere-Kind-Arbeit und toxische Beziehungen in Ihrer Begleitung zusammen?
Ein sogenanntes „verletztes Inneres Kind“ entsteht aus Erfahrungen, die ein Kind emotional verletzt haben und die es nicht entsprechend verarbeiten konnte. Denn Kinder haben noch nicht die Möglichkeit, solche Erfahrungen einzuordnen und beziehen sie häufig auf sich selbst.
Es entsteht dann innerlich oft so etwas wie zum Beispiel: „Ich bin nicht gut genug.“ Und genau aus diesem inneren Erleben heraus beginnen Kinder, Wege zu finden, damit umzugehen. Sie entwickeln unbewusst Strategien, zum Beispiel „Ich darf keine Fehler machen“. Diese helfen, Schmerz oder Ablehnung zu vermeiden und vielleicht doch ein bisschen Liebe und Aufmerksamkeit zu bekommen.
Strategien sind dabei keine bewussten Entscheidungen sondern eher unbewusste Anpassungen an das jeweilige Umfeld, mit dem Ziel Bindung zu sichern und sich vor emotionalem Schmerz zu schützen. Und daraus entstehen Muster, die dann eben auch ins Erwachsenenleben mitgenommen werden.
Und so beeinflussen unsere Inneren Kinder auch unsere Beziehungen, unabhängig davon, ob man sich in einer toxischen Beziehung befindet oder nicht. Beispiele sind da: Angst vor Verlust oder Ablehnung, Rückzug bei zu viel Nähe, emotionale Distanz, Aufopferung, Konfliktvermeidung.
Bei Menschen mit stärkeren narzisstischen Zügen zeigt sich häufig, dass sie ein sehr verletztes, oft auch sehr beschämtes, Inneres Kinder in sich tragen. Und auch jene, die mit ihnen eine Beziehung eingehen, haben oft in ihrer Kindheit starke emotionale Verletzungen erlebt.
Da kann man häufig eine Art Schlüssel-Schloss-Prinzip sehen: Zwei Menschen, die beide in der Kindheit starke emotionale Verletzungen erlebt haben, bringen jeweils ihre entwickelten, sehr unterschiedlichen, Strategien mit in die Beziehung.
Und oft passen diese Strategien wie Schlüssel und Schloss zusammen. Da trifft zum Beispiel jemand, der ein starkes Bedürfnis hat im Mittelpunkt zu stehen und die Macht und Kontrolle in einer Beziehung zu haben auf jemanden, der sich selbst und seine Bedürfnisse stark unterordnet und Konflikte jedenfalls vermeiden möchte.
All diese Prägungen haben ihren Ursprung meist in den frühen Beziehungserfahrungen der Kindheit. Also genau dort, wo auch die Arbeit mit dem Inneren Kind ansetzt.
In meiner Arbeit verbinde ich: das Verstehen der Muster mit dem Blick auf die dahinterliegenden inneren Erfahrungen und unterstütze dabei, Schritt für Schritt aus alten, heute nicht mehr hilfreichen Mustern auszusteigen.
Sie begleiten Ihre Klient:innen sowohl persönlich in Wien als auch online – welche Rolle spielt der geschützte Raum für Veränderungsprozesse?
Ein geschützter Raum ist meiner Meinung nach eine wichtige Grundlage für Veränderungsprozesse.
Menschen kommen mit Themen, die sie vielleicht noch nie ausgesprochen haben. Sie kommen vielleicht mit Scham, Schuldgefühlen, Unsicherheit oder der Angst, bewertet zu werden. Damit sich jemand wirklich öffnen kann, braucht es daher ein Umfeld, in dem genau das nicht passiert.
Es geht darum, einen Raum zu schaffen, in dem alles da sein darf: Zweifel, Wut, Traurigkeit, Ambivalenz. Ob dieser Raum physisch in Wien oder online entsteht, ist dabei zweitrangig.
Entscheidend ist die Qualität der Begegnung. Auch online kann ein sehr intensiver, vertrauensvoller Prozess entstehen.
Können Sie von einem Moment oder einer Entwicklung berichten, in dem jemand durch Ihre Begleitung spürbar mehr Leichtigkeit oder Klarheit gewonnen hat?
Ich denke da zum Beispiel an eine Klientin, die lange in einer sehr toxischen Beziehung war. Sie wusste rational, dass ihr diese Beziehung nicht guttut und trotzdem konnte sie sich emotional nicht lösen.
Schnell wurde deutlich, dass sie bereits in ihrer Kindheit gelernt hatte, sich selbst und ihre Bedürfnisse zurückzunehmen, es immer allen anderen recht zu machen und Konflikte zu vermeiden.
Wir haben daran gearbeitet, den Kontakt zu ihr selbst wiederherzustellen, ihre Bedürfnisse, Grenzen und Werte zu erkennen und zu wahren und ihren Selbstwert zu stärken. So konnte sie Schritt für Schritt neue Verhaltensweisen etablieren.
Ein entscheidender und berührender Moment war, als sie zum ersten Mal sagte: „Ich merke, dass ich mich jetzt selbst wichtig nehme.“ Die Trennung folgte dann kurz darauf. Heute ist sie in einer gesunden Beziehung auf Augenhöhe und sie sagt selbst: „Früher dachte ich immer, dass es so etwas gar nicht gibt. Und schon gar nicht für mich.“
Ich finde es immer wieder wunderbar zu sehen, was möglich ist und wie viel sich zum Positiven verändern kann, wenn Menschen beginnen, sich selbst wirklich zu begegnen.
Über Mag. Sabine Schiefer:
Als psychosoziale Beraterin, Inneres-Kind-Coachin und Achtsamkeitstrainerin begleite ich meine Klient:innen online oder in einer meiner Praxen in Wien (1060 und 1220 Wien). Es ist mir wichtig, einen Raum zu schaffen, in dem Menschen sich sicher und wohl fühlen und einfach sein dürfen – mit allem, was sich gerade zeigt.


