Als Psychologin begleitet Mag. Christina Rameis Kinder und Jugendliche auf ihrem Weg zu mehr Sicherheit im Lernen und einem gestärkten Selbstwert. Mit einem individuell abgestimmten Förderansatz unterstützt sie bei Legasthenie und Dyskalkulie und zeigt, wie nachhaltige Lernfortschritte möglich werden.
Im Interview gibt sie Einblicke in ihre Arbeit, erklärt die Bedeutung von Vertrauen und Motivation im Lernprozess und zeigt, wie Kinder Schritt für Schritt wieder an ihre eigenen Fähigkeiten glauben lernen.
Mag. Christina Rameis im Interview

Was hat Sie als Psychologin dazu bewogen, sich auf Legasthenie- und Dyskalkulietraining zu spezialisieren – und was liegt Ihnen in dieser Arbeit besonders am Herzen?
Nach meiner Schulzeit habe ich mehrere Monate als Nanny im Ausland verbracht und schnell gemerkt, wieviel Freude mir die Arbeit mit Kindern bereitet und wie bereichernd es ist, Kinder begleiten und fördern zu dürfen.
Von diesem Moment an war mir klar, dass ich mich im Studium auf Kinder- und Jugendpsychologie spezialisieren möchte. Meine eigene Begeisterung für Sprachen hat dazu geführt, mich näher mit der kindlichen Sprachentwicklung auseinanderzusetzen.
Lern- und Schulerfolge sind fast immer an gute Sprachkenntnisse geknüpft – in der Schule werden Inhalte sprachlich vermittelt. Texte, Arbeitsblätter und Prüfungen sind weitgehend schriftsprachlich.
Praktika und Arbeitstätigkeiten im entwicklungspsychologischen Bereich haben mir deutlich gemacht, wie herausfordernd Lernen und Schulerfolg für Kinder und die gesamte Familie sein können, wenn Probleme im sprachlichen Bereich vorliegen. Nach der Geburt meines Kindes wagte ich den Sprung in die Legasthenie- und Dyskalkulietrainer-Ausbildung und in die Selbständigkeit.
Als Mama eines Schulkindes liegt mir besonders am Herzen, Kinder und Jugendliche in ihrem Tempo dabei zu begleiten, wieder Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu erlangen, sie in ihrem Selbstwert zu bestärken und gemeinsam an wachsenden schulischen Erfolgen zu arbeiten.
Sie arbeiten nach der AFS-Methode und kombinieren verschiedene Trainingsansätze. Was zeichnet Ihren Förderansatz aus – und wie gehen Sie individuell auf jedes Kind ein?
Die AFS-Methode ist eine offene und multisensorische Methode. Alle erprobten Trainingsansätze können mit einbezogen werden. Dies ermöglicht das individuelle Eingehen auf Kinder und Jugendliche im Gegensatz zu fertigen Legasthenie- oder Dyskalkulieprogrammen.
Im Training bedeutet die AFS-Methode, dass ich drei Teilbereich berücksichtige: „A“ steht für Aufmerksamkeit, „F“ für Funktionen und „S“ für Symptome.
Das Aufmerksamkeitstraining fördert das Fokussieren und Halten der Aufmerksamkeit auf Buchstaben und Zahlen – etwas, das vielen Kindern am Beginn schwerfällt. Die Übungen aus dem Marburger Konzentrationstraining sind besonders beliebt, da sie abwechslungsreich sind (Such- und Wimmelbilder, Labyrinthe, Gitterrätsel oder Knobelaufgaben).
Die Sinneswahrnehmungsleistungen (Optik, Akustik, Raumwahrnehmung) sind unter dem Begriff „Funktionen“ zusammengefasst. Optisches oder akustisches Differenzieren beispielsweise bedeutet zwischen ähnlich aussehenden (o / a, b / d) oder ähnlich klingenden Buchstaben (g / k, b / p) unterscheiden zu können.
Diese Fähigkeit kann auch mit buchstabenfreiem Übungsmaterial trainiert werden (Geräuschememory, Fehlersuchbilder etc.) und ist eine gute Ergänzung zu Rechtschreibübungen.
Mit „Symptomen“ sind die Rechtschreibfehler gemeint: vor Trainingsbeginn führe ich eine Fehleranalyse durch. Anhand der Stärken und Schwächen in der Rechtschreibung und Lesefähigkeit sowie des Ausprägungsgrades der Legasthenie stelle ich aus Lernspielen und Übungen ein maßgeschneidertes Lernpaket zusammen.
Dabei verwende ich erprobtes Material wie das „Marburger Rechtschreibtraining“, den „Kieler Rechtschreibaufbau“, die „Symbolgeleitete orthografische Trainingsmethode – SOT“, die „FRESCH“-Methode und Montessori-orientiertes Material.
Auch das Üben mit einer Lernkartei bewährt sich für meine Lernschützlinge: Wörter werden im Langzeitgedächtnis gespeichert und die Kinder erlangen Sicherheit im Grundwortschatz. Das ist für Prüfungssituationen in der Schule hilfreich, in denen keine Zeit für langwierige Ableitungen von Rechtschreibregeln ist.
Ziel ist es, meinen Schülern/innen ein gutes „Handwerkszeug“ mitzugeben, mit dem sie langfristig und eigenständig einen schul- und alltagstauglichen Umgang mit Legasthenie oder Dyskalkulie finden.
Ein gelungenes Training zeichnet sich meiner Erfahrung nach durch Vertrauen, Wertschätzung und Teamarbeit zwischen Trainer/in, Schüler/Schülerin und Eltern aus.
Mit welchen Herausforderungen kommen Kinder, Jugendliche und Eltern am häufigsten zu Ihnen – und wie gestalten Sie den Einstieg in die Förderung?
Am häufigsten kommen Kinder, Jugendliche und Eltern mit dem Problem, dass sich trotz Fleiß und intensiven Übens die Schulleistungen nicht verbessern.
Viele Kinder haben zu diesem Zeitpunkt schon schulische Misserfolge hinter sich, der Selbstwert leidet und die Lernsituation zuhause ist oft für alle angespannt.
Wenn der Leidensdruck hoch ist, entwickeln manche Kinder Vermeidungsstrategien – wenn ich gar keine Arbeitsblätter mehr mache, kann ich nichts falsch machen.
Für Eltern ist es belastend, nicht zu wissen, wie sie ihrem Kind effektiv beim Lernen helfen können und Kinder haben oft Sorge, dass sie nicht schlau genug für die Schule sind – dies ist aber absolut nicht der Fall!
Den Einstieg in die Förderung bildet Information für Kinder und Eltern: Legasthenie und Dyskalkulie sind genetisch bedingt und Betroffene haben bei guter Begabung und Intelligenz unerwartet große Schwierigkeiten beim Erlernen des Lesens, Schreibens und Rechnens.
Das Um und Auf ist es, passende Lernstrategien zu finden – je nach Lerntyp, Schwerpunkt- und Zielsetzung im Training, Alter und Schulstufe.
Inhaltlich knüpfe ich an den Wissensstand der Kinder und Jugendlichen an und berücksichtige auch Lernwünsche. Viele Kinder und Jugendliche haben konkrete Vorstellungen davon, in welchem Lernbereich sie sich Unterstützung wünschen: um Lernlücken zu schließen, aktuellen Schulstoff besser zu verstehen, sich auf Prüfungen vorzubereiten oder Lerncoaching.
Durch das aktive Mitgestalten bei den Lernthemen steigt die Lernmotivation. Es ist jedes Mal schön zu beobachten, wenn Kinder und Jugendliche keine Angst mehr vor Fehlern haben und Lernprozesse aktiv in die Hand nehmen. Dann entsteht wieder Lernfreude und das Selbstvertrauen wächst.
Mag. Christina Rameis: Förderung gezielt an jede Entwicklungsphase anpassen

Welche Schwerpunkte setzten Sie je nach Altersgruppe – und worauf kommt es in den einzelnen Entwicklungsphasen besonders an?
Bei Kindergarten-, Vorschulkindern und Schulanfängern hilft die Förderung der „phonologischen Bewusstheit“, einer Vorläuferfähigkeit für das Lesen- und Schreibenlernen. Phonologische Bewusstheit ist vorhanden, wenn ein Kind ein Gespür für den Klang der gesprochenen Sprache entwickelt hat.
Es kann reimen, Wörter in Silben zerlegen und die einzelnen Laute und später Buchstaben innerhalb eines Wortes erkennen. Meiner Erfahrung nach verbessert sich die Lese- und Rechtschreibfertigkeiten rasch, wenn die Laut-Buchstaben-Zuordnung gefestigt wird.
Für größere Schulkinder werden zunehmend Rechtschreibregeln, Lesefähigkeit und Textverständnis zum Thema. Viele meiner Legasthenie-Kinder empfinden das „Marburger Rechtschreibtraining“ als hilfreich.
Anhand eines Grundgerüsts der wichtigsten Rechtschreibregeln zeigt es Kindern, wie sie selbstständig ein Wort durchgliedern können. Beim Arbeiten damit höre ich oft ein erleichtertes „Jetzt verstehe ich es endlich wirklich!“.
Jugendliche stehen vor der Herausforderung Texte selbst verfassen zu müssen: einerseits sollen eigene Ideen und Gedanken in eine Struktur gebracht, andererseits Kriterien der Textsorte sowie Grammatik- und Rechtschreibregeln beachtet werden.
Das Schreiben von Aufsätzen wird leichter, wenn wir es in konkrete Arbeitsschritte zerlegen. Hier bewähren sich meiner Erfahrung nach Schreibpläne, denn jede Textsorte beinhaltet für sie typische Textelemente.
Außerdem probieren wir die Zeiteinteilung bei einer Schularbeit in den Trainingseinheiten konkret aus, da Prüfungen fast immer mit einem Zeitlimit verbunden sind. Die Eigenkorrektur von Aufsätzen gelingt durch das Üben an Fehlertexten und mithilfe von Korrektur-Leseschablonen immer besser und besser.
Neben Lernförderung integrieren Sie auf Wunsch auch Entspannungseinheiten. Welche Rolle spielen Stress, Selbstwert und emotionale Stabilität im Lernprozess?
Die besten Lernfortschritte machen Menschen, wenn sie in einer positiven und angstfreien Atmosphäre lernen können.
Stress und Angst können Lernblockaden und die Ablehnung von einzelnen Schulfächern bewirken.
Zur Stressreduktionen helfen Entspannungstechniken wie Autogenes Training, Progressive Muskelrelaxation oder Fantasiereisen. Für Kinder kann ich besonders die „Käpt’n Nemo Geschichten“, die auf Autogenem Training basieren, empfehlen sowie die „Geschichten von der Fly“, die von Alltagsherausforderungen erzählen und Mut machen. Jugendliche mögen meist Fantasiereisen gern.
In der sozial-kognitiven Psychologie nach Bandura gibt es die sog. „Selbstwirksamkeitserwartungen“, die auch im Legasthenie- und Dyskalkulietraining eine wichtige Rolle spielen. Sie beschreiben die eigene Überzeugung, dass man es schafft, Aufgaben zu bewältigen und neue Dinge zu erlernen.
Positive Rückmeldungen in der Schule und im Training, schrittweise Erfolgserlebnisse, die Ermutigung Herausforderungen anzunehmen und Unterstützung bei der Verbesserung von Lernfertigkeiten stärken das Gefühl der Selbstwirksamkeit und sind wichtig für die Lernmotivation.
Es ist immer eine berührende Situation, wenn Kinder und Jugendliche auf einmal merken, dass Übungen, die am Beginn des Trainings schwierig waren, ihnen im späteren Verlauf des Trainings auf einmal leicht fallen.
Das Gefühl Herausforderungen bewältigen zu können, beeinflusst natürlich auch die emotionale Stabilität und den Selbstwert, aber ebenso umgekehrt – emotional stabile Kinder mit einem guten Selbstwert trauen sich mehr zu und geben nicht so schnell auf, weil sie Fehler als Möglichkeiten zum Lernen betrachten.
Zur Selbstwertstärkung biete ich Kindern und Jugendlichen z.b. Kärtchen mit individuellen positiven Affirmationen, eine „Stärken-Schatzkiste“ oder Fragenkärtchen zum Entdecken von Begabungen und Stärken außerhalb des Schulkontextes an.
All diese Faktoren zusammen fördern den Erfolg im Legasthenie-und Dyskalkulietraining.
Gibt es eine Situation, in der Sie besonders deutlich erlebt haben, wie gezielte Förderung Selbstvertrauen und schulische Entwicklung fördert?
Es ist nicht eine konkrete Situation, es sind eher Entwicklungs- und Lernverläufe.
Ein Mädchen kam in der 3.Klasse Volksschule mit der Diagnose „Legasthenie“ recht mutlos und verzweifelt zu mir. Wir begannen gezielt an den gemeinsam mit ihr und den Eltern besprochenen Schwerpunkten zu üben und probierten verschiedene Lerntechniken aus, bis wir die passenden gefunden hatten.
Zuhause übte sie fleissig anhand der Aufgaben, die sie im Legasthenie-Training erhalten hatte. Positive Rückmeldungen aus der Schule und Fortschritte, die auch für sie selbst erkennbar waren, stärkten die Motivation und das Selbstvertrauen. Im nächsten Schuljahr standen die ersten Schularbeiten an, vor denen sie sehr nervös und ängstlich war, aber sie wusste mittlerweile auch, dass sie es schaffen würde.
In die Einheit nach der ersten Deutsch-Schularbeit kam sie freudestrahlend und voller Stolz mit einem Einser in der Hand – und das mit Legasthenie! Dieses Erlebnis bestärkte sie sehr. Auf die weiteren Deutsch-Schularbeiten erhielt sie ebenfalls Einser und Zweier.
Das Selbstvertrauen wuchs Schritt für Schritt und in jede Prüfungssituation ging sie zwar aufgeregt, aber zuversichtlich. Inzwischen hat sie die Volksschule positiv abgeschlossen, besucht erfolgreich die weiterführende Schule und bewältigt alle Herausforderungen in Deutsch ohne weiteres Legasthenie-Training zu benötigen.
Über mich Mag. Christina Rameis:
Ich bin Mama, Psychologin und Legasthenie- & Dyskalkulietrainerin und biete individuelle Förderung für Kindergarten-, Schulkinder und Jugendliche, DaZ-Training, Elternberatung und Mama & Kind-Kreativworkshops an


