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Paul Kurka: Wege aus der Angst mit moderner Verhaltenstherapie

Der Weg in die Psychotherapie ist für Paul Kurka eng mit persönlichen Erfahrungen, Sinnsuche und langjähriger Arbeit im Gesundheitswesen verbunden. Seit vielen Jahren begleitet er Menschen dabei, Belastungen besser zu verstehen und neue Handlungsspielräume zu entwickeln. In seinen Antworten wird deutlich, warum Verhaltenstherapie für ihn ein besonders wirksamer, alltagsnaher Ansatz ist.

Ein Schwerpunkt liegt auf der Behandlung von Angststörungen, bei der moderne Methoden wie Virtual Reality helfen, Sicherheit, Selbstvertrauen und Lebensqualität nachhaltig zurückzugewinnen – auch bei langjährig bestehenden Ängsten und Vermeidungsverhalten.

Paul Kurka im Interview

Paul Kurka Interview

 

Was hat Sie dazu bewegt, den Weg in die Psychotherapie einzuschlagen, und was schätzen Sie an Ihrer Arbeit besonders?

Schon in meiner Jugend habe ich gemerkt, dass meine Stärken im sozialen Bereich und im zwischenmenschlichen Kontakt liegen. Eigene herausfordernde Lebensphasen haben mich geprägt, mir wertvolle Erfahrungen ermöglicht und mir meine hohe Resilienz (Fähigkeit schwierige Lebenssituationen gut zu bewältigen) aufgezeigt, und wie wichtig diese im Umgang mit Belastungen ist.

„Jede Herausforderung im Leben bringt auch die Möglichkeit mit sich, daran zu wachsen.“

Schon früh war für mich klar, dass ich einen Beruf ausüben möchte, der für mich persönlich Sinn stiftet und Erfüllung bietet. Seit mittlerweile 16 Jahren arbeite ich im Gesundheits- und Sozialbereich.

Besonders prägend waren meine Tätigkeiten im Rettungsdienst sowie als diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger im psychiatrischen Bereich. Diese Erfahrungen sind bis heute von großem Wert für meine psychotherapeutische Arbeit.

An meiner Tätigkeit als Psychotherapeut schätze ich vor allem die Vielfalt der Menschen und Lebenswege, denen ich begegne. Es ist immer wieder beeindruckend zu sehen, wie unterschiedlich Glück, Sinn und Selbstverwirklichung für jeden Einzelnen von uns definiert werden.

Sehr motivierend ist für mich außerdem, Menschen dabei zu unterstützen, persönliche Hürden zu überwinden – und die Dankbarkeit, Freude und den Stolz miterleben zu dürfen, die damit oft einhergehen.

Wie würden Sie Verhaltenstherapie jemandem erklären, der noch keine Erfahrung damit hat?

Im Praxisalltag erkläre ich Verhaltenstherapie möglichst einfach und alltagsnah. Im Kern geht es darum zu verstehen, wie wir „funktionieren“: also wie Gedanken, Gefühle und Verhalten miteinander zusammenhängen und sich gegenseitig beeinflussen.

Ich habe mich bewusst für den verhaltenstherapeutischen Ansatz entschieden, weil er wissenschaftlich sehr gut fundiert ist, sich an der westlichen Medizin orientiert und gleichzeitig praktisch, logisch und gut im Alltag umsetzbar ist.

Ein zentrales Ziel der Verhaltenstherapie ist es, ungünstige Denk- und Verhaltensmuster zu erkennen, zu hinterfragen und neue Perspektiven sowie Handlungsweisen auszuprobieren.

Dabei kommen konkrete Methoden aus der kognitiven Verhaltenstherapie sowie aus anderen Ansätzen wie zum Beispiel der Akzeptanz- und Commitment-Therapie zum Einsatz. Welche Ziele verfolgt werden und welche Strategien angewendet werden, wird gemeinsam besprochen – die Patientinnen und Patienten entscheiden aktiv mit.

Angst ist ein zentrales Thema Ihrer Arbeit. Mit welchen Formen von Angst kommen Menschen besonders häufig zu Ihnen?

Da ich mich seit 2019 auf die Behandlung von Angsterkrankungen spezialisiert habe, kommen Menschen mit sehr unterschiedlichen Angstformen zu mir.

Häufig sind unter anderem Agoraphobie, also die Angst vor Situationen, aus denen man im Notfall schwer entkommen oder keine Hilfe bekommen könnte, sowie soziale Phobien – die Angst, in der Öffentlichkeit oder im Kontakt mit anderen negativ bewertet zu werden. Auch Panikattacken gehören zu den häufigen Anliegen.

Sehr oft behandeln wir außerdem sogenannte spezifische Phobien. Dazu zählen beispielsweise Flugangst, Höhenangst, Angst vor dem Autofahren, vor Nadeln oder Injektionen, Angst vor dem Erbrechen oder die Angst vor der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel.

Paul Kurka: Wie Virtual Reality Angsttherapie wirksam unterstützt

Paul Kurka Psychotherapeut

Ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit ist die Angsttherapie mit Virtual Reality. Wie setzen Sie diese Methode konkret ein?

In der Verhaltenstherapie werden Angsterkrankungen meist mit der sogenannten Expositions- oder Konfrontationsmethode behandelt. Dabei setzt man sich gezielt und kontrolliert mit angstauslösenden Situationen auseinander, bis die Angst spürbar nachlässt.

Dadurch werden neue, positive Bewältigungserfahrungen möglich. Dieses Vorgehen basiert auf dem sogenannten Gewöhnungseffekt: Unser Gehirn kann sich an stressauslösende Reize anpassen.

Ein einfaches Beispiel ist der erste Tag in einem neuen Job im Vergleich zu einem Arbeitstag nach mehreren Monaten – die anfängliche Unsicherheit ist meist deutlich geringer. Ähnlich verhält es sich beim Autofahren: Die erste Fahrt als Fahranfänger fühlt sich oft ganz anders an als nach Jahren an Erfahrung.

Die Virtual-Reality-Therapie nutzt genau dieses Prinzip. Das Gehirn reagiert stark auf visuelle Reize und bewertet sie oft als „real“, auch wenn wir rational wissen, dass wir uns in einer sicheren Umgebung befinden.

Vergleichbar ist das mit einem Horrorfilm, der Angst auslösen kann, obwohl man weiß, dass nichts real passiert. Die VR-Technologie verstärkt dieses Gefühl des Eintauchens (Immersion) in die Situation.

Virtual Reality ist besonders hilfreich bei Ängsten, die im Alltag schwer oder nur mit großem Aufwand herstellbar sind – etwa Flugangst, Angst vor dem Erbrechen oder vor medizinischen Untersuchungen wie einer Magnetresonanztomographie (MRT). Diese Situationen können per Knopfdruck in der Praxis simuliert werden, was Zeit, Aufwand und oft auch Kosten spart.

Ein wichtiger Bestandteil der Angstbehandlung ist es außerdem, sogenannte Sicherheits- und Vermeidungsstrategien zu erkennen und abzubauen. Angst verleitet uns dazu, Situationen zu meiden oder kurzfristig beruhigende Maßnahmen einzusetzen, die langfristig jedoch die Angst aufrechterhalten.

Dazu zählen zum Beispiel Begleitpersonen, Glücksbringer oder Beruhigungsmedikamente. Diese Strategien können sehr unterschiedlich und oft unbewusst sein.

„Angst ist erstaunlich unkreativ – sie folgt meist immer denselben Mustern und ist deshalb gut behandelbar.“

Woran erkennen Sie im therapeutischen Prozess, dass sich der Umgang mit Angst nachhaltig verändert?

Veränderungen zeigen sich auf unterschiedliche Weise. Ein wichtiger Hinweis ist, wenn Patientinnen und Patienten stolz berichten, dass sie sich trotz Angst bestimmten Situationen gestellt haben, die sie früher vermieden hätten.

Auch die Art, wie über angstauslösende Situationen gedacht wird, verändert sich häufig deutlich.

Zusätzlich nutzen wir in der Praxis standardisierte Fragebögen, um Angst messbar zu machen, etwa das Beck-Angst-Inventar (BAI) oder den Body Sensations Questionnaire (BSQ). Der aus meiner Sicht wichtigste Indikator ist jedoch das subjektive Erleben während einer Konfrontationsübung.

Dabei schätzen die Patientinnen und Patienten ihre Angst auf einer Skala von 0 (keine Angst) bis 10 (maximale Angst) ein. So wird oft sehr anschaulich, wie schnell die Angst innerhalb weniger Minuten sinken kann – ebenso wie die körperlichen Symptome. Auch Atmung und Körperhaltung geben dabei wichtige Hinweise.

Gibt es eine Erfahrung oder Rückmeldung aus Ihrer Praxis, die Ihnen besonders die Wirkung Ihrer Arbeit gezeigt hat?

Ich erhalte immer wieder Briefe, Postkarten, E-Mails oder Fotos von ehemaligen Patientinnen und Patienten, in denen sie von ihren Fortschritten berichten. Das freut mich sehr und bestätigt mich in meiner Arbeit.

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir zuletzt ein Foto eines ehemaligen Patienten, der seine Flugangst überwunden hatte. Auf dem Bild saß er grinsend im Flugzeug – unterwegs in den Urlaub.

„Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sind angeblich auch nur Menschen. Die Studienlage dazu ist zwar noch recht dünn, aber ich kann es bestätigen: Ich hatte selbst große Angst vor dem Autofahren – trotz bestandenem Führerschein. Heute fahre ich problemlos und sogar gern. Wenn ich das schaffen konnte, können Sie das auch. Meine schlechten Witze sind in der Therapie übrigens kostenlos inkludiert.“

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